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OBERSÄCHSISCH

"Von einem sächsischen Dialekt kann im Grunde genommen nicht die Rede sein. Man spricht wohl von einem solchen und versteht darunter die Sprechweise des weitgereisten Partikularisten Bliemchen aus Dresden oder die Mundart, in welcher der alte "Leibz'ger" seine "Gefiehle" der Welt "verginnded"; aber nur in einem verschwindend kleinen Teile Sachsens wird dieser zum Ziele des Spottes unserer Nachbarn gewordene Dialekt gesprochen. Unser engeres Vaterland ist reich an Mundarten, die nicht bloß in nebensächlichen Punkten voneinander verschieden sind. Es wird dem Dresdner schwer, den echten Vogtländer zu verstehen, ebenso wie es dem Leipziger Mühe macht, einem richtigen Oberlausitzer zu folgen. Wir können in der Hauptsache fünf sächsische Dialekte unterscheiden, den Lausitzer, den erzgebirgischen, den vogtländischen, den meißnischen und den osterländischen (Leipziger) Dialekt. Wissenschaftlich betrachtet sind die beiden erstgenannten ostfränkisch-obersächsische Mischdialekte, die vogtländische Mundart gehört dem ostfränkischen Sprachzweige, die beiden letztgenannten dem obersächsischen an."
Oertel, G.: Beiträge zur Landes- und Volkskunde des Königreichs Sachsen. Leipzig 1890
(Quelle: http://amuellner.gmxhome.de/Geschich....htm#atSPRACHE)

Ein in der Längung velarisiertes (=> digidÃ¥l), im Diphthong zur Längung und breiten Öffnung (=> nu aber rÃ*Ã*us) neigendes /a/, ein zum /ö:/ bzw. /öu/ tendierendes /o:/, gespreiztes retroversales /u:/ (wie in obersächs. Fuß), Entrundung, eine deutliche Lenisierung (=> Bardeibolledig) und die höchst seltsame sibilierende Kontraktion von /zich/ > /tzsch/ (wie in Leiptzsch 'Leipzig') sind die Hauptkennzeichen des Sächsischen, das, wie nicht wenige meinen, kein Dialekt sei, sondern eher eine Sprechweise.

Auffällig in unserer als Varietät sehr ausgeprägten obersächs. Probe sind ferner ein zum proversalen /ü/ neigendes kurzes /u/, Spirantisierung (Ziege > Ziiche) , Monophthongierung /ei/ > /ee/, die Entrundung in müssen > missn, das zum (wie ich denke, zentralen) /a/ tendierende /è/ in schlecht (s. unten), die Senkung /i/ zu /è/ (Wèrt 'Wirt'), die Hebung von /ò/ zu /u/ (kumm 'komm!') sowie die (ebenfalls hier nicht einzigartige) Sibilarisierung /s/ > /sch/ in erscht und Gepperschdorf.

Schibboleths bzw. Kennwörter des Sächs. allgemein sind: außer dem erstaunten Ausruf ei vrbibbsch! etwa der Ortsname Leiptzsch (s.o.) und das vielerorts als Quasi-Partikel eingefügte, beidsilbig gleichbetonte eegål bzw. eechål ('gleich', s. auch unten).

In der abgesehen von Ausnahmen ("Klock Acht achter'n Strom") wenig dialektfreundlichen, 40 Jahre lang auf Uniformität getrimmten DDR ("Täterää"), dem "ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden", wurde, analog dem Schweizerdeutschen, eine Art standardisiertes Sächsisch zum staatstragenden Idiom, wurde Markenzeichen des sozialistischen Lebensgefühls. Der "verehrte Genosse Walter Ulbricht" mit Ziegenbart und Fistelstimme machte es zur Lachnummer, was spätere Satiren ("Walter Satrapowicht"), Parodien (Fred Weyrich, "Ich wÃ¥r der Butzer vom GÃ*iser"; "Prof. Dr. Metz" im Bond-Film Diamantenfieber) und andere Medien-Präsentationen nur verstärkten. Für den "freien Westen" wurde der sächselnde Zeitgenosse zum armen, mitleidswerten Vertreter der "Brüder und Schwestern jenseits des Eisernen Vorhangs", verkörperte im DDR-Unrechtsstaat (MfS, StaSi, Mauer, Bautzen) den verhaßten Apparatschik; nach der Wende (1989/90) behaupteten sich sächsisches Lebensgefühl und sächsisches Idiom, wurden durch Wolfgang Stumph und andere in Filmen ("Go, Trabi, go") und Fernseh-Reihen ("Salto postale", "Salto kommunale") und neuerdings durch den "MÃ*schndrÃ¥htzÃ*un" zum Kult. Das sich nun erst recht emanzipierende Sächsisch wurde zum Kennzeichen des "Ossis" schlechthin, gleichzeitig eines Menschenschlags, der sich in allen Situationen behauptet: durch Chuzpe, Lebensklugheit und dank eines reichen Fundus an erfinderischer Begabung.

Probe 1: [DDR-9262] Frankenberg Krs. Flöha; Die Geschichte von der Wunder-Ziege (tradierter Text; DSA-Archiv; Transkr.: W. Näser 10/84 und 2/2000). Anm.: /ie/ und /st/ entsprechen der hochdt. Schreib- und Lesart.

Die Geschichte von dr Wunderzieche hab'ch in dr Chronik geläsen von Burgstädt. Die stammt etwa Ã*us'm ChÃ¥hre Ã…chtsnhundertachtzch, wo's noch gèène Rååtchoo, Färnsehn un Àutos gleich gÃ¥r nich gÃ¥b.

Dr Gottlieb, e Strumpfwerker, såß SonntÃ¥ch frie gemietlich am KÃ¥ffeedisch mit seiner Ã…nnåå, da sååchte de AnnÃ¥ auf eemÃ¥: "HorchemÃ¥, Gottlieb, mir missn de Zieche fihrn." - "No jÃ¥", sååd'r Gottlieb, "ich hÃ¥b oo schon dran gedÃ¥cht; wie hÃ¥st'rn denn das gedÃ¥cht, niù?" - "D's is doch ganz eefach: du gehst nach Gäpperschdorf, züm ... züm Vätter, un .. dr hat'n scheen Bock." - "Nee", såådr, "was ihr Ã*ich Weibsen eegÃ¥l denkt. Wie hÃ¥st - wie soll'ch denn das mÃ¥chn?" - "Nu", såådr, "du hast doch ZÃ*it, in vier Stundn Wäägs in eene Duur." Nu jÃ¥, dr Gottlieb hÃ¥t s'ch das iberleecht, un - èr dÃ¥cht vor sich, 's wär gÃ¥r nich so schlÃ*cht dr VorschlÃ¥ch, du kämst ma Ã*usn HÃ*us nÃ*us, und - er hat sch[o]pÃ¥r Fenge gut gemÃ¥cht bein lèdsdn Abliefern, un dÃ¥ kènnste undrwächst ma einkehrn.

Na jÃ¥, de Anna, die brÃ¥chte de Zieche gefihrt, und er ging loüs. Wie er nu zwee Stundn geloufn wÃ¥r, dÃ¥ kÃ¥m er in den Gasthof, da wÃ¥ren nu schon diè - sÃ*ine FrÃ*inde, de sind immer die SÃ*ufsäcke dÃ¥, un die kÃ¥m schon rÃ*usgestörzt und ham die Zieche bewundrt, da wÃ¥rd se angebundn un dann sååd se: "Kumm, Gottlieb, jetz Geh mr nÃ*i. 'ts trinkn mr erschtmÃ¥ ne Runde, mir hÃ¥m uns so lange nichg gesään. Na, dr Gottlieb ging mit nÃ*i, un, dÃ¥ wurde ne Runde gegäm - niù wÃ¥r das sich sou - nu wÃ¥r daß es sou ne Runde wÃ¥r, also so'e so'e StÃ¥mper, newÃ¥hr - äh - Doppeltr, wer'ma sÃ¥gn, un där ging rundrum, un hat cheder mal getrunkn. Niù wÃ¥r aber das dabei'ds, jeder hat auch ein andr Geschmack, dr ging - dr eene hÃ¥tte - un der gÃ¥ fuffze Fenge so wÃ¥s - un der eene hÃ¥tte Kimmel, der andre Kersch mit Rum, un der andre öwern hawern Korn un so wÃ*Ã*ider - korz un gut, 's ging ziemlich dorchenandr. Na, die Runde ging rum, un mÃ*i Gottlieb, der hat de Zieche schon widder vrgessn.

Inzwischn haddn sÃ*ine FrÃ*inde - das wÃ¥r - inzwischn haddn sÃ*ine FrÃ*inde die Zieche umgetÃ*uscht, haddn se vom Wèrt 'n Bock genomm, dr oo so, un habbn de Zieche ... rÃ*in, un hÃ¥m den rÃ¥ngehÃ¥ng, de Zieche weggenömm.

Last edited by Katinka; 11-15-2006 at 04:19 AM.
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Old 12-10-2006, 12:58 PM
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Lene Voigt
De Azaliche
1936

Unser Lieblingsblumdobb schteht mal wieder
Jetz in seiner wunderscheensten Bracht.
Jedes Jahr um diese Zeit da bliehtr
Un so hatrsch diesmal ooch gemacht.

Jeden Morchen schtaun mir nu uffs neie,
Wie där gleene Gerl sich Miehe gibt.
Sin geriehrt von seiner Wachsdumsdree.
Wehe däm. Där an de Blieten dibbt!

Die hamm alle burburrode Blättchen,
Bißchen heller nachn Rande hin.
Un mir bleim drbei: Im ganzen Schtädtchen
Gann gee eenzcher Blumdobb scheener sin.

http://www.lene-voigt-gesellschaft.de/texte.html

I say moo to you!
Meet me in the moolight!
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